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 Dolchgesang - Geschichten

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Salvorn
Brigant
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BeitragThema: Dolchgesang - Geschichten   Fr Jan 12, 2018 9:31 pm

In Charakter Geschichten aus den Augen von Banditen!

- Masken aus Leinen, Masken aus Seide
- Ein silbernes Glitzern
- Wimpernschlag
- Gerecht


Zuletzt von Salvorn am Fr Jan 12, 2018 9:37 pm bearbeitet; insgesamt 1-mal bearbeitet
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Salvorn
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BeitragThema: Re: Dolchgesang - Geschichten   Fr Jan 12, 2018 9:34 pm

Prolog – Masken aus Leinen, Masken aus Seide

Ein kalter Windhauch heulte um die Hausecken und die engen Gassen, wirbelte das Laub am Boden und ließ die Äste der wenigen Bäume des kargen Stadtbildes bedrohlich Knarren. Lang schon hatte der Herbst Einzug gehalten mit seinen unberechenbaren Stürmen und Regenschauern, die das Kopfsteinpflaster bisweilen gefährlich glatt und rutschig werden ließen.
Die Dunkelheit war bereits hereingebrochen und hatte sich wie ein dunkler Schleier über Straßen, Gassen und Häuser der riesigen Hafenstadt gelegt und nur der Schein aus den Laternen und den wenigen noch erhellten Fenstern ließ sein trübes, karges Licht auf die nassen Wege des Handelsdistrikts fallen, die zu dieser Zeit menschenleer und verlassen wirkten. Längst hatten die meisten Geschäfte geschlossen und nur noch aus der Ferne drangen durch die Finsternis die Klänge von Musik aus einer der Tavernen an das Ohr der älteren Frau, die mühsamen Schrittes über das Pflaster schlurfte, dabei versuchend den Pfützen auszuweichen, die der Regen auf den unebenen Wegen hinterlassen hatte. Doch trotz dieses Bemühens war das alte, oft geflickte Kleid, am Saum mit einer dicken Schlammschicht bedeckt und die Kälte, die durch die durchnässten, ausgetretenen Schuhe mit der durchgelaufenen Sohle drang, schmerzte bei jedem einzelnen Schritt. Alt, viel älter als knapp jenseits der vierzig wirkte die Frau mit dem verlebten Gesicht mit seiner Augenklappe und gebeugt und mühsam wirkte der Gang, als sie nun um die Ecke des düsteren Tunnels in Richtung der Altstadt einbog.
Die ärmliche Frau begann zu zittern, als ein weiterer kalter Windstoß durch die Enge des Tunnels pfiff. Über die Stunden hatte sich die Kälte wie tausend kleine Nadeln tief in ihren Leib gebohrt. Ihre Beine schmerzten und auch das alte Rückenleiden ließ jede Bewegung zu einer Qual werden.

Einst war alles anders gewesen. Einst verschwendete sie keine Gedanken an Kälte oder die verzweifelte Suche nach Kundschaft, die jetzt zu ihr Dasein bestimmte und sie selbst in eisigen Wintertagen nach den Anspruchslosen unter den Freiern suchen ließ.
Ja, damals war Margarete Althäuser eine bildhübsche, junge Frau und eine der begehrtesten Dirnen der Stadt. Die Männer standen bei ihr Schlange, gutbetuchte und wohlgesittete Herren. Sie verkehrte in den edelsten Anwesen und einmal gar war sie von einem hohen Adligen in sein Gemach in der Burg geladen worden. In der weichsten Seide hatte sie geschlafen, hatte die edelsten Kleider getragen, begehrt von den Herren, beneidet von den Frauen.
Doch dieses nächtliche Leben hatte seine Spuren hinterlassen, hatte sie gezeichnet und irgendwann verblasste ihre Schönheit neben jüngeren Mädchen. Und mit dem Schwinden des Interesses der hohen Herren und reichen Kaufmänner, wandte sich auch ihr Schicksal.

Die letzten Klänge der Tavernenmusik verklangen in der Nacht, als Margarete ihren Weg weiter hinkte, hinüber über die Brücke des Kanals. Auf dieser Seite gab es keine Musik, keine Feiern, nur das Quieken von Ratten, das Knarren morscher Stützbalken, die baufällige Häuser hielten, und das Husten und Keuchen aus den dunklen Ecken und Winkeln, in die sich die Bettler verkrochen hatten, um Schutz vor dem eisigen Wind zu finden. - Ein Ort, der die Erinnerungen an bessere Zeiten zernagte wie die langschwänzigen Schatten, die über das Pflaster huschten, es mit dem Unrat taten, und nur die bösesten zurückließ.

Seit mehr als einem Jahrzehnt stand sie nun Tag für Tag an Straßenecken und bot die einzige Ware an, die sie zu verkaufen hatte: Sich selbst.
Und mit dem Abstieg des Standes der Kundschaft veränderte sich auch ihr Gebaren. Geprellt, geschlagen oder in den Schmutz geworfen zu werden, waren keine Seltenheit. Ungewaschene, dreckige Matrosen und versoffene Ehemänner, die sie behandelten wie Dreck waren ebenso Tagesgeschehen wie wütende Frauen, die sie mit faulem Obst und Schlimmerem bewarfen, wenn sie den eigenen Gatten im Verdacht hatten, ihre Dienste in Anspruch genommen zu haben.

Doch selbst damit hatte Margarete zu leben gelernt. Denn selbst dieses Leben bot sein Auskommen für ein geheiztes Zimmer mit einem Bett, Tisch und Schrank und sie musste wenigstens nicht hungern. Bis zu jener Herbstnacht vor zwei Jahren.

Am Hafen unter ihrer üblichen Laterne hatte sie gestanden. Ein Schiff der königlichen Marine war an jenem Abend eingelaufen und das ließ immer auf Kundschaft hoffen. Nachdem sie zwei der Matrosen bedient hatte und nach einem dritten Ausschau hielt, hallten schwere, metallene Schritte eines gerüsteten Mannes auf dem Pflaster, der sich Margarete zielstrebig näherte. Noch ehe sie sich erwehren oder die Flucht ergreifen konnte, hatte der Wachsoldat, ein dicklicher Unteroffizier mit Knollennase und Warze auf dem Jochbein, sie rüde am Arm gepackt. Ins Verlies werfe er sie, so war seine Drohung, auch wenn er jeden Grund vermissen ließ. Und mit widerlichem Grinsen offerierte er sein Angebot, von seinem Vorhaben abzusehen.


Zuletzt von Salvorn am Fr Jan 12, 2018 9:40 pm bearbeitet; insgesamt 1-mal bearbeitet
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BeitragThema: Re: Dolchgesang - Geschichten   Fr Jan 12, 2018 9:35 pm

Margarete erinnerte sich an die Abscheu, die sie empfunden hatte, als sich der schmierige, angebliche Bewahrer von Recht und Gesetz versuchte, sie sich auf diese Weise zu Willen zu machen. Sie sammelte den Speichel in ihrem Mund und spuckte dem Wachsoldaten ihren Zorn, ihren Ekel ins Gesicht, ehe sie versuchte, sich loszureißen.
Wie es dann genau geschah, konnte sie nicht sagen, doch während des folgenden, ungleichen Kampfes muss der schmierige Soldat irgendeine scharfe Waffe gezogen haben – ein Messer, vielleicht ein Dolch – und dann war da dieser gleißende, brennende, stechende Schmerz in Margaretes Gesicht. Sie sank auf die Knie und presste ihre Hand gegen die linke Gesichtshälfte. Blut quoll zwischen ihren Fingern hervor. Die Schmerzen waren unvorstellbar und außer ihnen nahm sie in der Dunkelheit eine ganze Weile nichts wahr. Weder die Schritte der Plattenstiefel, die sich eilig entfernten, noch die Stimme von Gieslind, einer Hafendirne, die ihren Namen rief.

Dies war die Nacht,in der Margarete ihr Auge verlor; der schicksalhafte Tag, ab dem damit der letzte Rest der einstigen Schönheit mit dem Schnitt eines Dieners seiner Majestät aus dem Gesicht getilgt wurde.
Und seit sie diese Augenklappe trug, fielen für sie allenfalls verlauste Bettler ab, nicht Wählerische, denen sie sich für ein paar Kupferlinge hingab. Gerade genug, um dann und wann dem ewig knurrenden Magen etwas trockenes Brot zukommen zu lassen.

Oh ja, sie wusste was sich unter der Maske Sturmwinds wahrhaftig verbarg.
Einem Besucher, der an den imposanten Statuen durch das Tal der Helden schritt und das rege Treiben an den Verkaufsständen des Handelsdistrikts und den florierenden Handel erblickte, der die Auslagen der vielen Handwerker mit ihren exquisiten Stücken beschaute, die beeindruckenden Bauten von Burg, Magierturm und Kathedrale bestaunte, die Wachpatrouillen in ihren polierten Rüstungen sah und die betuchteren Bürger und den Adel in seinen feinen Kutschen vorbeifahrend bewunderte, würde sich das wahre Bild nie offenbaren. Das Bild, das man unter der Illusion rauschender Feste, einer gerechten Stadtwache ohne Willkür, einer angeblichen Sorge um das Volk und nutzlosem Schein von Wohltätigkeit zu verbergen suchte.

Doch hier, wo man als wohlhabend galt, wenn man sein Heim aus morschen Brettern mit Ratten teilte, wo andere nicht einmal das zum Teilen hatten, wusste man um das, was unter dem Mantel des Schweigens lag, der aus Furcht über alles gebreitet wurde, was nicht in die Illusion passte:
Die Burg mit ihrem verfressenen, nimmersatten Adel, ihren beamteten Schergen, die allesamt von dem Kuchen fraßen, den die einfachen Bauern ihnen backten. Die hohen Herren auf ihren Ländereien, die im Angesicht einer Gefahr in Protz und Prunk feierten, statt ihren Eid dem Volk gegenüber zu erfüllen. Die reichen Kaufmänner, die ewig klagten, doch über die richtigen Kontakte und ihre Vetternwirtschaft horrende Vorteile gegenüber dem einfachen Handwerksmann bekamen. Die doppelzüngige Priesterschaft, selbst zu weiten Teilen dem Adel selbst entsprungen, wie sie sich den Namen des Lichts zu Nutze machen, um ihre Politik als heilig zu verkaufen. Und allem voran die Soldaten des Königs, deren Abzeichen nur dazu dienten, sich alles zu nehmen, was sie wollten und Willkür nach dem eigenen Belieben walten zu lassen.
Das...das war alles, was von der Stadt noch blieb, wenn man die Maske von ihrem Antlitz riss. Und wie auch Margarete wusste dies hier jeder. Ausnahmslos.
Und mit dieser Gewissheit schwelte auch das Begehren nach Gerechtigkeit in ihnen allen. Leise und verborgen vor der Ohren der Schergen hoher Herren war es wie ein Raunen in der Dunkelheit, ein Wispern in der Nacht. Allgegenwärtig. Für sie beinah greifbar. Aber doch zu leise, um sich zu einem Klang des Wandels zu erheben. Noch.

Kaum konnte die durchgefrorene Dirne ihre eiskalten Füße noch spüren, als sie in die dunkle Gasse bog, in der der alte Schuppen stand, den sie und einige andere Lustmädchen in kalten Nächten als Schlafplatz nutzten. Das verfallene Haus, zu dem der Schuppen gehörte, hatten sich bereits andere unter den Nagel gerissen – eine Gruppe grobschlächtiger Kerle, die man immer nur in ihre alten Lederrüstungen und mit Dolchen und Messern bewaffnet sah.
Finstere Gesellen, denen Margarete lieber aus dem Weg ging. Je weniger Aufmerksamkeit man bei diesen Kerlen erregte, desto besser, hatte sie sich gedacht. Und Fragen stellte man hier sowieso nicht.


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BeitragThema: Re: Dolchgesang - Geschichten   Fr Jan 12, 2018 9:35 pm

Doch heute, als sich Margarete an dem alten Bretterzaun des verfallenen Hauses, der ein wenig an eine Palisade erinnerte, entlang schleppte, trug der Wind die Worte eines Gespräches zwischen zwei der Gesellen herüber; Worte, die Margarete bereits in anderer Form vernommen hatte und die hinter vorgehaltener Hand seit Neuestem in den ärmlichen Winkeln der Stadt ihre Runde machten, dabei stets und mit Bedacht nur die Ohren derer erreichend, die hier in den düstersten Ecken der Altstadt, die gar von den Patrouillen gemieden wurden, einen gewissen Ruf von zwielichtiger Vertrauenswürdigkeit erlangt hatten.

Und an diesem Punkt und ob dieser Worte obsiegte die Neugier, noch einige Momente auszuharren, über den Wunsch, den schmerzenden Beinen umgehend Schonung zu gewähren. Informationen konnten unter den Bewohnern der Gosse eine begehrte und teure Ware sein. So ward das Gesicht der alten Dirne gegen den Holzzaun gepresst und mit dem gesunden Auge spähte sie durch eine Lücke in den Latten.

„Du willst mich auf'n Arm nehmen, was?“, drang die Stimme eines jungen Mannes durch die Nacht, der darauf an seiner Zigarette zog und den Rauch in die dunkle Kälte aufsteigen ließ.

„Nee, ganz sicher nicht. Zweimal hab' ich's jetzt schon gehört. Einmal von Luke und dann von der kleinen Schwarzhaarigen.“, brummte der ältere, stämmige Kerl mit seinem ungepflegten Vollbart. „Da scheint richtig was dran zu sein.“

„Wen meinste? Die dumme Emma? Die is' doch dauernd besoff'n. Der glaub' ich gar nix, wenn ich's nich' mit eigenen Augen seh'.“

„Ach, was! Nicht das !@#$%^-*!! Ich mein' das junge Ding. Is' in deinem Alter. Sophia. Oder sowas in der Art.“, brummte der Bärtige zurück.

„Das heißt, 's gibt den Brunnen da echt und man kriegt 'ne Nachricht, wenn man da 'nen Zettel zwischen die Steine steckt?“ Skeptisch ließ der Bursche den Blick über das Gesicht des Bärtigen wandern, als wolle er die Ernsthaftigkeit seiner Worte ergründen, ehe er erneut an seiner Zigarette zog und sich der Rauch beim Ausatmen hell vor der Dunkelheit der Nacht abhob.

Locker legte der Bärtige in seiner ruhigen, behäbigen Art, die die geschärfte Klinge wie auch den Dolch am Gurt beinah vergessen machten, seine Hand auf die Schulter des Burschen.
„Pass auf, das läuft so: Dieser Brunnen ist ein, zwei Kilometer aus der Stadt raus. Irgendwo auf der rechten Seite und längst stillgelegt. Unten am Rand sind ein paar Steine locker. Und da kannste eine Nachricht hinterlassen. Schreibst drauf, wie du heißt, was du kannst und wo die dich finden können und der Rest kommt von denen. Wenn die Kontakt mit dir woll'n, hörst schon was von denen.“

Aufmerksam und mit gespitzten Ohren bemühte sich Margarete nun, auch die folgenden, leiseren Worte aufzuschnappen. Gewiss war sie keine Kämpferin, keine Banditin. Doch vielleicht, nur vielleicht, bot auch ihr dieses Wissen eine Chance, nicht zwischen Ratten in den Nächten des kommenden Winters zu erfrieren.

„Muss 'n gutes Angebot sein. Suchen natürlich in erster Linie Kerle, die's Handwerk beherrschen und keine Angst haben, sich die Finger schmutzig zu machen. Die junge Sophia hat erzählt, dass sich das Ganze richtig lohnt. Und Luke is' ja auch gleich da geblieben. Seit der für die den Schützen macht, is' nix mehr mit hungern. Sieht richtig gut aus, der Bursche. Ich sach dir, das is' 'ne Sache, die bare Münze bringt und gleich die Richtigen auf's Korn nimmt.“ Ein dunkles Auflachen vollendete die Worte des bärtigen Haudegens, während der junge Bursche für einen Augenblick den Kopf mit dem strohblonden Haar wog und dann erneut seinen Qualm in die Luft blies.

Langsam entfernte sich Margarete von dem Spalt im Zaun. Sie hatte gehört, was für sie wichtig war. Es war also wahr. Das Gemunkel über eine Gruppe von Leuten, die eine lukrative Gelegenheit bot und dazu noch Gerechtigkeit – die Gerechtigkeit der Geknechteten - brachte, war kein bloßes Gerücht.
Es war eine Möglichkeit für all jene, die nützliche Fähigkeiten hatten, dem endlosen Kreislauf aus Hunger, Kälte, Armut, Ungerechtigkeit und Willkür zu entfliehen. Es war eine Chance auf ein besseres Leben, als in den ratten- und kotverseuchten Gassen der Altstadt zu verhungern, auf ein freieres Leben als unter der Knechtschaft derer, die auf sie hinab spuckten.

Das Raunen in der Dunkelheit, das Wispern in der Nacht würde bald als tosendes Crescendo über all jene kommen, die sie seit so vielen Jahren traten und in den Schmutz gezwungen hatten.


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BeitragThema: Re: Dolchgesang - Geschichten   Fr Jan 12, 2018 9:35 pm

Ein silbernes Glitzern

„Siehst du etwas?”

„Nein.”

„Sie müssten längst hier sein!”

„Ich weiß.”

„Shht! Hast du das gehört? Was war das?”

„Eine Eule.”

„Was ist, wenn sie Bescheid wissen?”

„Keine Ahnung. Halt endlich das Maul, bevor ich dir die Zunge rausschneide!”

Dann war Stille. Wieder einmal. Lediglich das leise Rauschen des Windes durch die herbstlichen Wälder und die fernen Rufe einer Eule drangen durch die Nacht. Finster war's. Und neblig auch. Nur eine kleine Laterne am Wegesrand sorgte für etwas schummriges Licht. Tapfer trotzte die kleine Flamme im Inneren dem kühlen Wind, der trotz schützendem Glas durch Ritzen und Löcher drang.
Zwei Augen spähten angestrengt in ihre Richtung. Einige Meter entfernt, auf der anderen Seite der Straße, verborgen hinter hohem Gebüsch bei einem großen Baum. Sie hatten eine gute Sicht, ohne selbst gesehen zu werden.

„Jarles hat noch kein Zeichen gegeben. Wir warten ab.” brummte eine tiefe Stimme.

Erneut ward die Stille für den Bruchteil einer Sekunde gebrochen. Eine ruppige Gestalt kauerte hinter dem Gebüsch. Altes, doch festes Leder legte sich um den Leib des Rohlings. Braunes, strubbeliges Haar fiel ihm vom Kopf und eine rote Maske verschlang Nase, Mund und Kinn. In der Rechten hielt er eine schartige Klinge fest im Griff.
Hinter ihm saß eine hagere, eine schmächtigere Gestalt in zerschlissenen Fetzen. Allem Augenschien nach noch ein Jüngling, der die Klinge nicht einmal richtig zu halten wusste. Nervös sah er sich immer wieder um, doch traute sich kein weiteres Wort von seinen Lippen.

Der Andere schien das zu bemerken. Gelegentlich warf er ihm einen Schulterblick zu. Doch sagte er eine lange Zeit lang nichts.

„Nicht vergessen. Du oder sie.” raunte er dann nach einem längeren Augenblick. Der Bursche starrte ihn nur ausdruckslos an.

„Wenn du zögerst, schlitzen sie dich auf. Lassen dich quieken und schreien wie ein elendes Ferkel und pfählen dann deinen Schädel auf dem alten Hügel. Genau wie deine Alten.”

Ein eisiger Schauer erfasste Luke. Er biss die Zähne zusammen und griff verkrampft ins feuchte Gras. Gerüstete stürmten an dem Tage, als der Himmel in Flammen schien, den Hof seiner Eltern. Sie stachen seinen Vater nieder, schlitzten seiner Mutter die Kehle mit haltlosen Vorwürfen der Hexerei auf und nahmen alles an Gold und Silber, das sie finden konnten, bevor sie den Hof bis auf die Grundmauern niederbrannten. Er hatte sich versteckt. Unter einer alten Decke in einem kleinen Schuppen, dicht an dicht mit Äxten, Schaufeln und anderem Arbeitsgerät und spähte durch ein Loch hinaus aufs Feld, wo es geschah. Die Gerüsteten waren ihm mit dem Rücken zugewandt. Er hätte einfach eine Axt packen und sie ihnen in den Rücken rammen sollen! Doch er, der dreckige Feigling, tat nichts! Er kauerte wie steifgefroren und sah hilflos zu. Warum sollte es jetzt nur anders sein?

„Ich habe noch nie jemanden getötet.” murmelte er schließlich leise.

„Gibt immer 'n erstes Mal.”

„Ich weiß nicht, wie das geht.”

„Du nimmst den Dolch und rammst ihn fest in seinen fetten Wanst.”

„Aber-... was ist, wenn ich nicht richtig treffe?”

Der Räuber schnaubte belustigt. Den Seide tragenden F.ettsack zu verfehlen bedürfte schon meisterhaften Geschicks.

„Wir sind 'n halbes Dutzend. Irgendeiner wird dann schon treffen. Beruhig' dich endlich. Das is' nich' das höchste Wesen, dass es gibt. Ein Sack aus Fleisch und Blut, der ausläuft, wenn man reinsticht. Du bist nich' alleine und grausame Biester und böse Wichtel gibt's hier auch nich' in diesem Teil der Wälder. Hier sind nur wir.”

Luke atmete tief durch und nickte. Blickte gar etwas beruhigt auf. Dann drang ein seltsames Geräusch durch die Nacht. Etwas vogelartiges. Dieses Mal blieb Luke ruhig. Stattdessen zuckte der Räuber zusammen.

„Nur eine Eule?” fragte Luke unsicher mit einem schiefen Lächeln.

Die Muskeln des Räubers aber spannten sich an und er engte die Augen, während er wieder übers Gebüsch starrte.

„Nein.”

Lichter näherten sich aus dem Nebel.
In der Ferne war das Getrappel von Hufen zu hören...


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BeitragThema: Re: Dolchgesang - Geschichten   Fr Jan 12, 2018 9:36 pm

Wimpernschlag

Ein kühler Abend. Das trübe Licht der Gaslaternen. Ein großer Platz. In der Nähe zu ihrer Rechten ein hochgewachsener Mann in polierter Rüstung, auf der Brust der elendige Löwe. Gegenüber eine blonde Frau, auch gerüstet. Einige Meter weiter noch mehr Wappenträger. Nicht des Obertyrannen, sondern irgendeines Günstlings, Ordens oder sonstigem Ab.schaum. Kein guter Ort, um zu verweilen. Nicht einmal für kurze Zeit.

Dennoch nahmen ihre Sinne jedes noch so kleine Detail wahr. Etwas, das sie sich über die Jahre angeeignet hatte und nun völlig unbewusst geschah. Wie ein Wimpernschlag oder das Atmen. Die Frau gegenüber wirkte verloren und irgendwie schüchtern, als sei ihr die Stadt fremd. Daran änderte auch die Imposanz der Rüstung nichts.
Die wenigen Wortfetzen, die von der Gruppe der Gardisten – oder was immer sie auch waren – über die Distanz hinweg getragen wurden, machten schnell deutlich, dass ihren Gesprächen nichts interessantes zu entnehmen war.
Und der Kerl mit dem Löwen auf der Brust machte ein Gesicht wie sieben Tage Regenwetter. Ein Grund mehr, weiterzugehen.

Sie musterte die Personen noch einmal aus dem Augenwinkel, beiläufig und scheinbar ohne näheres Interesse, als etwas ihre Aufmerksamkeit auf sich zog. Nicht gewollt und alles andere als unbewusst. Die süßliche Wolke irgendeines markanten Parfums war viel zu penetrant, als dass sie bloß am Rande der Peripherie ihres Bewusstseins hängengeblieben wäre.
Ihre blauen Augen suchten, fanden die vorbei schreitende Verursacherin des Gestanks. Der Blick folgte ihr und...ließ die Beobachterin innehalten. Diese Tasche!

Die Beschreibung war dürftig gewesen. Aber das Alter hatten sie sich aus dem Geschriebenen zusammenreimen können, aus der ominösen Nachricht.
Die Attitüde war passend. Und dann war da diese Tasche.

Losgehen wollte sie, sich an die Fersen des Weibsbildes heften. Aber unter all diesen königstreuen Bastarden? Es würde auffallen, würde sie sofort folgen. Und morgen, wenn die Alte in irgendeiner Ecke lag und sich womöglich gar der Trauerkloß im Sturmwindwams über ihre Leiche beugte, würde man sich an sie, die Verfolgerin, erinnern.
Sie musste warten. Einen Augenblick, zwei Augenblicke...

Das vermeintliche Offiziersliebchen mit der Tasche war schon aus ihrem Blickfeld verschwunden, als sie sich unauffällig schlendernd in Bewegung setzte, um die Ecke bog und erst dort zu rennen begann.
Doch vergebens. Das Klacken der Absätze auf dem Boden war verklungen und der Wind hatte selbst die aufdringliche Duftwolke des Parfums verweht.

Enttäuscht ballten sich die Hände der Verfolgerin zu Fäusten, als sie in die Dunkelheit starrte, vor ihr nur der verlassene Weg.
Und doch verblieb der Ausdruck von Bitterkeit nur kurz in ihren Augen. Einen Wimpernschlag später hoben sich die Mundwinkel zu einem unterkühlten Lächeln. Das Ziel hatte nun ein Gesicht.


Anbruch der Dämmerung. Der letzte gülden-roten Schein der untergehenden Sonne verschwand hinter hohem Gebirge und hüllte die herbstlichen Wälder Elwynns mehr und mehr in Dunkelheit. Kalt war es… und still. Endlich. Die gepflasterten Straßen, die wenige Stunden zuvor noch reich befahren und begangen waren, waren nun wieder leer und nur einige mattbunte Blätter lagen im fahlen Kerzenschein der Laterne am Wegesrande. Eine Idylle im Abendrot – doch mochte es trügen, denn nicht fern des Pfades lauerte etwas im Gebüsch.

„Wie geht’s deiner Wunde?“

Eine tiefe, brummige Stimme brach leise raunend nach so langer Zeit endlich die Stille.

„Geht schon wieder, verheilt langsam. Keine Ahnung, was mich mehr fertiggemacht hat. Die Wunde oder das Gesöff.“ murrte eine hellere, eine weibliche Stimme leise zurück. Undeutbar im Ton.

„Zum Glück hab’n wir die Pferde noch eingesackt. Sonst hätten wir dich nich‘ rechtzeitig genug ins Lager geschafft.“

Die maskierte Frau, gehüllt in festes Leder, hob den Kopf und ließ den Blick einen Moment lang in die Ferne schweifen. Die Augen erfüllt von ungewohnter Nachdenklichkeit. „‘s war verdammt knapp.“ raunte sie, während eine frostige Kälte in ihren Blick trat. Kälter noch, als die herbstlichen Nächte. „Dieser Bastard mit der Axt wird dafür büßen. Das nächste Mal kommen sie nicht so leicht davon.“

„Hast du ihm wenigstens ´n paar Pfeile mitgegeben?“

Die Frau zuckte gleichmütig mit den Schultern. „Keine Ahnung. Gequiekt haben n paar von den Schweinen.“ Dann sah sie sich wieder aufmerksam auf der Straße um. „Ich glaube, wir machen uns besser wieder auf den Weg. Wir haben das Weib wohl verpasst.“

„Meintest du nich‘, du hättest sie auf dem Platz in der Stadt gesehen? Am Abend?“

Die Frau nickte. Schwieg jedoch und erhob sich langsam, leise raschelnd, aus ihrer Deckung. Bereit zum Aufbruch, zum Verschwinden in die Wälder.

„Vielleicht seh’n wir uns da mal direkt um.“


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BeitragThema: Re: Dolchgesang - Geschichten   Fr Jan 12, 2018 9:36 pm

Gerecht

Sie lag in ihre alten Decken gehüllt im Zelt und ihre blauen Augen starrten zur Plane empor. Draußen heulte der Wind durch die Äste, beraubte die Laubbäume ihrer Blätter und pfiff durch Lücken und Ritzen. Der Winter nahte. Und mit jeder Nacht spürte man es mehr und mehr.
Noch hatten sie Glück gehabt und es hatte noch nicht gefroren. Aber der erste Frost und mit ihm auch der erste Schnee würden nicht mehr lange auf sich warten lassen und die Wälder und Wiesen würden in eisigem, lebensfeindlichen Weiß erstarren.

Die kommenden Monate über würden sie dann dicht an dicht gedrängt in Jarles' alter Hütte schlafen, vielleicht abwechselnd oder halb im Sitzen, wenn der Platz nicht reichen sollte.
Dann allerdings mit neuen, warmen Decken und genug Nahrung, um bis zum Frühling auszukommen. Mehr noch. Vielleicht würden sie sich sogar die ein oder andere neue Klinge leisten können. Jedenfalls wenn sich das Versprechen der Basiliskin – dieser Name hatte sich irgendwann in ihren Kreisen für die Lady mit dem kalten Blick so festgesetzt - bewahrheitete.
Dennoch, der Winter war nichts, worauf man sich freute. Er war etwas, das man ertrug, weil man es ertragen musste. Wie so Vieles.
Sie hatten dieses Leben nicht gewählt. Genauso wenig wie sie den Kampf begonnen hatten, den sie führten.

Die junge Frau mit den schwarzen Haaren wickelte den rauen Wollstoff fester um sich und in ihrer Schlaflosigkeit ließ sie die Gedanken schweifen, zurück an jenen Abend vor einigen Tagen.

Ohne jedes Zögern, ohne jeden Skrupel hatte sie zugestochen und ihre Klinge tief in die Brust dieser Tyrannendienerin getrieben.
Man konnte versuchen, es schönzureden, zu sagen, sie habe die Spitze ihres schartigen Schwertes, die an den Hals des besinnungslosen Weibes gedrückt war, absichtlich ein wenig tiefer geführt, um es in die Brust zu rammen und so zumindest den Hauch einer Überlebensmöglichkeit zu lassen. Aber so war es nicht. Wäre das Weib sofort tot gewesen, hätte sie nicht als Ablenkung getaugt, um zu entkommen. Sie retten oder uns fangen? Es war simple Berechnung. Mehr nicht.

Ob das Adelsliebchen letztlich auf den kalten Pflastersteinen in ihrem eigenen Blut verreckt war oder einer dieser königstreuen Bastarde ihr noch helfen konnte, hatte sie nicht erfahren. Nach dem 'Halt! Im Namen des Königs!' hatten sie keinen Blick zurück mehr geworfen.
Und hier nun in der Kälte dieser Nacht im Spätherbst fragte sich die junge Brigantin, ob es überhaupt einen Unterschied machte. Doch da war nichts. Kein Gefühl der Reue. Kein quälendes Gewissen. Keine bohrende Frage, ob es auch eine andere Möglichkeit gegeben hätte.

Kürzlich erst, als sie die geraubten Pferde in den Stall der Basiliskin gebracht hatten, war sie wieder durch die Gegend gekommen, die sie damals ihre Heimat nannte und die jetzt einem Ödland aus verbrannter Erde glich. Das verdorbene Landstück hinter sich lassend, waren sie an kleinen Gruppen von Menschen vorbeigekommen, die Kleidung verschlissen, alt, schmutzig, die Gesichter verhärmt und von den Spuren des unbarmherzigen Lebens gezeichnet.

Einmal zu jeder Jahreszeit. Das war der Turnus gewesen, in dem die Eintreiber des Königs hierher gekommen waren, um die Steuern aus den armen, hart schuftenden Bauern herauszuquetschen für Kriege, die nicht die ihren waren, für Schutz, den sie nie erhielten.
Doch jetzt waren auch die letzten Bauern hier verschwunden und alles, was blieb, waren baufällige Hütten, die den Elementen anheim fielen, aber wenigstens ein Bisschen Schutz vor den frostigen Winden über den Ebenen boten.

Trotz des Gefühls der Verbundenheit waren sie den Heimat- und Hoffnungslosen ausgewichen, bis voraus in der Dämmerung die Konturen eines alten Bergfrieds in die Höhe ragten, von vergangener Blüte kündend und baufällig wie die Hütten des kleinen Dorfes zu seinem Fuße. Und doch war der Unterschied zu dem Land, das sie passiert hatten, deutlich spürbar.
Die wenigen Menschen, die man zu dieser Stund' noch erblicken konnte, trugen einfachstes Leinen, aber keine Fetzen. Ihre Körper waren nicht so ausgemergelt und ihre Blicke nicht ganz so verzweifelt. Löcher in Dächern oder Ritzen der alten Hütten waren mit Holz ausgebessert worden, es gab alte Scheunen und Ställe, die noch benutzt wurden und auf manchen Weiden sah man gar etwas Vieh.

Es war nicht viel, nichts Besonderes, was die junge Banditin hier an diesem Ort erblickte. Kein Wohlstand und längst nicht das Ziel ihrer Bemühungen. Aber es war etwas, auf das man bauen konnte. Ein Fundament. Hoffnung.

Sie war hergekommen, um die Gäule sicher unterzubringen und zu verstecken. Aber mehr als sie brachte, nahm sie von diesem kurzen Aufenthalt wieder mit. Seither verstand sie, was sie vorher zwar oft schon gehört, aber dessen Sinn sie ob ihres anfänglichen Pragmatismus niemals in aller Gänze zu erfassen in der Lage war. Und das Verständnis dieser Worte hatte selbst letzte, vage Zweifel ausgelöscht: „Unsere Sache, unser Kampf ist gerecht.“
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